Ein Spätsommer auf Kreta

In Deutschland werden die Nächte kühler, die Fingerspitzen beginnen beim Fahrradfahren zu frösteln und buntes Laub wirbelt durch die Straßen. Es ist der ideale Zeitpunkt, um in den Flieger Richtung Süden zu steigen und nochmal ordentlich Sonne zu tanken. Für 14 Tage geht es mit meinem Bruder Mitte bis Ende September nach Kreta, die ideale Reisezeit für die griechischen Inseln.

Völlig vorurteilsbeladen hatte ich bei Kreta vor der Reise hauptsächlich Massenpauschalurlaub im Kopf. Doch zwei Wochen reichten, um mich vom Gegenteil zu überzeugen. Habt ihr Lust, einige der Highlights zu sehen? Dann steigt mit uns gedanklich aus dem Flieger. Wir sind auf Kreta.

Wir starten in Iraklio und beschließen, den landschaftlich ursprünglichen Westen Kretas zu bereisen. Tipps von Einheimischen und Reisenden führen und letztendlich zu folgender Route:
Iraklio – Chania – Kissamos – Halbinsel Gramvousa – Tour entlang der westlichsten Küstenstraße zum Strand von Elafonissi – Paleochora – Samariaschlucht – Agia Roumeli – Rethymno – Iraklio

Die schönsten Orte und Erlebnisse habe ich für euch zusammengestellt.

Chania
Die Stadt Chania, etwa drei Busstunden von Iraklio entfernt, ist definitiv ein Highlight auf Kreta. In Chania erwarten uns venezianische Bauten in einem eingesäumten Hafenbecken, viele kleine Restaurants in verwinkelten Gässchen, ein romantisch angestrahlter Leuchtturm und ein lebendiges Nachtleben. Leute sitzen in Grüppchen vor urigen Tavernen, dazu gibt es griechische Live-Musik. Hätte Peter Jackson diesen Ort gekannt, würde das Auenland jetzt nicht in Neuseeland stehen. Wir fühlen uns wie zu groß geratene Hobbits (natürlich mit zu kleinen Füßen) hier in unserem so friedlichen Auenland Chania. Wir bleiben nur eine Nacht, hätten es an diesem schönen Ort aber getrost viel länger ausgehalten.


Strand von Balos auf der Halbinsel Gramvousa
In Kissamos, das sich perfekt als Ausgangsbasis für Ausflüge auf die Halbinsel Gramvousa eignet, leihen wir uns zwei Mountainbikes, um zum Strand von Balos zu fahren. Insgesamt sind das nur etwa 15 Kilometer, doch die haben es streckenweise mit extrem steilen Abschnitten und schlechten Straßen in sich. Wir strampeln und schwitzen in der griechischen Sommerhitze, doch nach circa eineinhalb Stunden steigen wir stolz von unseren Rädern, um den letzten Kilometer steil bergab zum Strand zu laufen. Schon auf der Anhöhe eröffnet sich ein unvergleichlicher Anblick. Die Karibik lässt grüßen hier auf Kreta: seichtes, azurblaues Meer und ein lagunenartiger Strand. Ein Postkartenmotiv! Zum Strand von Balos fahren auch Ausflugsschiffe und ein Bus von Kissamos aus. Wir können aber jedem empfehlen, früh aufzustehen und individuell mit dem Fahrrad oder Auto anzureisen, denn sobald mittags die organisierten Touren ankommen, wird es richtig voll am Strand.

Nach einigen morgendlichen Stunden Badespaß packen wir unsere Sachen und machen uns auf den Rückweg. Auf dem Heimweg passieren wir das Balos Beach Hotel, das einen traumhaften Pool mit Aussicht hat. Wir beschließen nett zu lächeln, Hotelgäste zu spielen und ein paar Runden zu schwimmen. Vielleicht hat uns diese freche Aktion ein paar Minuspunkte auf unserer Karma-Skala eingebrockt, denn wir müssen direkt büßen. Frisch gebadet steigen wir auf unsere Räder, doch bei einem davon ist der Reifen platt. Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt. Zumindest bis zum nächsten kleinen Dorf. Wir landen in Kaliviani, wo wir in der erstbesten Taverne nach einer Luftpumpe fragen. Wie ich es bereits öfters auf Reisen erlebt habe, führen manche zunächst unangenehm anmutenden Tatsachen häufig zu den schönsten Erlebnissen. So auch an diesem Tag. Zufälligerweise hat uns der Platten zur Taverne Grambousa geführt, das für mich beste Restaurant des Urlaubs. Wir bestellen Lamm und Schweinespieß in Honig ummantelt mit Blätterteig – ein Mahl für Götter. Wasser, Raki, eine Vorspeise und ein Nachtisch vom Obstbuffet gibt es vom Haus gratis dazu. Die Taverne Grambousa lässt jedes Feinschmeckerherz höherschlagen. 5 Sterne von uns und eine Empfehlung an alle, die auch in dieser Region Urlaub machen.

Mit dem Roller durchs Hinterland und zum Strand von Elafonissi
Für eine Eintagestour von Kissamos aus zum Strand von Elafonissi mieten wir uns einen Roller. Auf kurvigen Straßen geht es bei der luftigen Fahrt vorbei an Elos durch kleine Bergdörfer zum wunderschönen Strand von Elafonissi. Zurück nehmen wir die westlichste Route Kretas und genießen eine atemberaubende Aussicht.

Trampen oder Tanzen. Wer weiß das schon?
Von Kissamos aus wollen wir nach Paleochora. Die vorhandenen Busverbindungen sind für diese Strecke allerdings zeitlich schlecht abgestimmt, weshalb wir uns für trampen entscheiden. Im Lonely Planet steht, dass das Zeichen für Trampen hier nicht der Daumen hoch ist, sondern dass man mit ausgestrecktem Arm und nach unten zeigender Handfläche winkt. Wir probieren das, doch die passierenden Autofahrer sehen uns an, als würden wir vom Mars kommen. Also doch der Standard: Daumen raus und nett lächeln. Wir warten relativ lange, haben aber irgendwann Glück. Eine gängige Fortbewegungsmethode scheint trampen auf Kreta allerdings nicht zu sein.

Trampen auf Kreta- kein einfaches Unterfangen

Trampen auf Kreta- kein einfaches Unterfangen

Originalwortlaut im Lonely Planet:

“Übrigens hält man hier nicht wie in Nordeuropa den Daumen hoch, sondern winkt mit ausgestrecktem Arm, wobei die Handfläche nach unten zeigt.“

NOT!

 

 

 

 

 

Paleochora
In Paleochora, das auf einer schmalen Halbinsel liegt, finden wir unser kleines Paradies zum Verweilen. Das Städtchen wird auf der einer Seite von einem Kieselstrand, auf der anderen von einem Sandstrand eingesäumt. Die Stadt wurde früher von Hippies bewohnt. Diesen Charme hat sich der kleine Ort bewahrt. Am spektakulärsten sind in Paleochora die Abendstunden. Wenn sich die Sonne rot färbt und langsam im Meer versinkt, hüllt sie den ganzen Ort in einen goldenen Schleier. Wir verlängern zweimal, nur um noch mehrere dieser Sonnenuntergänge zu erleben.

Sehr empfehlenswert ist in Paleochora übrigens das Restaurant Third eye, das einzig vegetarische Lokal auf der ganzen Insel. Hier werden Geschmäcker unterschiedlicher Kulturen raffiniert kombiniert: So kann man bei griechischem Flair leckere Currys, Gemüse mit arabischen Gewürzen oder bunten Salaten genießen.


Das Einhorn in der Samariaschlucht
Von Paleochora aus starten wir unsere Tour zur Samaria Schlucht, die mit einer Länge von 17 km eine der längsten Schluchten Europas ist. Wir fahren zwei Stunden mit dem Bus nach Omlos. Dort beginnt unsere Wanderung. Nach circa fünfstündigem Abstieg erreichen wir den Hafenort Agia Roumeli. In Agia Roumeli bringt eine Fähre die Wanderer einmal täglich zurück nach Sougia oder Paleochora. Nicht nur die beeindruckende Landschaft macht diesen Tag zu einem schönen Erlebnis. Stellt euch vor, das travelling unicorn hat wieder einen Gleichgesinnten gefunden – mein Einhorn auf Kreta. Mindestens seit diesem Zeitpunkt habe ich mich so richtig in Kreta verliebt.


Eine Quadtour von Rethymno zum Strand von Preveli
Nach Paleochora geht es für uns nach Rethymno, wo wir uns ein Quad mieten. Wir brechen Richtung Süden auf und werden von einem heftigen Regenschauer erwischt. Patschnass und mit einem riesigen Grinsen auf dem Gesicht flitzen wir durch die Berglandschaft, hinein in uns verschlingende Regenwolken und Nebelmauern. Die Stimmung ist unbeschreiblich mystisch, fast beängstigend, aber zugleich beeindruckend. Gewitterwolken ziehen auf. Wir wissen, dass es bei diesem Wetter nicht ungefährlich ist in den Bergen, doch die Ungewissheit verstärkt die Intensität der Situation nur noch mehr und wir fahren weiter. Unser Ziel ist die andere Seite der Insel, der Strand von Preveli. Das letzte Stück der Straße dorthin ist sehr ausgesetzt, jedoch ideal, um das Quad voll auszufahren. Mit Vollgas über Schlaglöcher und Pfützen- wir kreischen vor Freude. Plötzlich lichtet sich der Horizont und die Sonne blitzt durch die Wolken. Wir stellen unser Quad ab und laufen die letzten Meter zum Strand von Preveli, der als Palmenstrand Kretas bekannt ist. Die Stimmung am sonst so idyllischen Strand ist heute rau, der Wellengang hoch und wild. Doch passend zu unserer Stimmung werfen wir uns in die Wellen. Der Wind peitscht gegen mein Gesicht, eine Welle, die ich völlig unterschätzt habe, reißt mich mit, ich schlucke Wasser, tauche Sekunden später völlig verwirrt auf und das einzige was ich höre, ist das schallende Gelächter meines Bruders. Das sind die Momente auf Reisen, die man nicht mehr vergisst – die guten alten Zeiten, von denen man sich später vielleicht einmal erzählt.

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Von Rethymno geht es für uns nach Iraklio und von dort schon wieder zurück nach München.

Zurück bleiben wunderschöne Erinnerungen, eine neu gewonnene Begeisterung für Kreta und ein weiterer Ort auf der Landkarte, den man nun mit eigenen Geschichten füllen kann.

Showing 3 comments

  • antonia limbrunner

    hiermit gratuliere ich dir liebe lea für deinen so interessanten und beeindruckenden blog. sofort wünschte ich mir, einen flug zu buchen und in euere fußstapfen zu steigen.
    bin stolz auf euch beide und umarme euch ganz fest

  • Jana

    Kreta ist wirklich toll. Da war ich diesen Sommer auch! Der Eintrag ruft Erinnerungen hervor.

  • Lea Limbrunner

    Danke für das schöne Feedback! ;-)

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