Havanna. Wo die Vergangenheit auf die Gegenwart trifft

Hier ein Hupen, dort plärrt lautstark eine Frau vom Balkon, am Bürgersteig sitzen betagte Kubaner vor ihrem Haus in Schaukelstühlen, die Luft ist stickig, der Schweiß steht uns auf der Stirn.
Willkommen in Havanna!
Wir laufen durch die Straßen. Planlos und ganz nach dem Motto: Wer ohne Ziel ist, kann sich nicht verlaufen.
Wir gehen kreuz und quer, passieren einige Sehenswürdigkeiten, wie das Capitolio, die Fußgängerzone Calle Obispo, den Malecon, den schön restaurierten Stadtkern in Habana Vieja, gehen zwei Straßen weiter und stehen plötzlich in sehr ärmlichen Wohnvierteln, in welchen wir die einzigen Touristen zu sein scheinen. Hier riecht es nach Urin und Müll, überall begegnen wir streunenden Straßenhunden. Die ersten Eindrücke in Havanna sind paradox.  Es ist eine Stadt voller Kontraste.

Wir erfahren, Havanna oder la Habana, wie die Kubaner sagen, soll in den 50ern eine der dekadentesten Städte der Welt gewesen sein. Ein Eldorado der amerikanischen Gangster. Prachtbauten, Casinos wohin das Auge reicht, Prostitution an jeder Straßenecke. An Las Vegas soll das Havanna von früher erinnert haben, erzählt uns ein älterer Kubaner. Ein Leben in Saus und Braus, von dem heute nicht mehr viel übrig geblieben ist. Fidel Castro übernahm 1959 die Macht, ließ alle Casinos schließen und funktionierte Luxushotels in Wohnraum für die gemeine Bevölkerung um. Das Stadtbild erinnert bis heute an den einstigen Glanz. Überreste dieser Zeit sind prunkvolle Gebäude und Fassaden, die nach und nach in sich zusammenfallen, gehalten von fragwürdigen Stützkonstruktionen, bei welchen jeder Architekt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde. Überall sieht man uralte, amerikanische Straßenkreuzer, die die Stadt so schön bunt machen und gleichzeitig so üble Abgaswolken raus pusten, dass wir plötzlich beginnen, die deutsche Umweltplakette zu schätzen. Smog pur. Dafür aber ein Retro-Gefühl und pure Nostalgie. In Kuba trifft die Vergangenheit wahrlich auf die Gegenwart.

Die Kubaner nennen diese charmanten alten Karren “máquinas”, an welchen übrigens immer rumgeschraubt wird. Es knattert, scheppert und rumst, wenn man mitfährt. Diese Kisten sind zugleich auch Taxis für Einheimische, die “taxis colectivos”. Die Fahrer nehmen Touristen wie uns zwar mit, aber nur, wenn man sich extrem ortskundig stellt, die Standardstrecken kennt und die richtige Handbewegung drauf hat. Man winkt ungefähr so wie die Queen, zeigt dabei ganz lässig in die richtige Richtung und mit etwas Glück wird man aufgegabelt. Es werden so lange winkende Queens eingesammelt, bis das Auto randvoll ist. Eigentlich ist das wie trampen, nur zahlt man pro Fahrt einen Fixpreis von 10 Pesos cubanos (ca. 0,50 €). Den Preis sollte man kennen, bloß nicht verhandeln! Man cruist dann so lange durch die Stadt, bis man sich an irgendeiner Ecke wieder rauswerfen lässt. Die Taxis fahren nämlich nur feste Routen und nur auf bestimmten Straßen. Wir freuen uns, uns wie die Kubaner durch die Stadt zu bewegen. Auch unser Reisebudget erfreut das. Wir bezahlen nur circa ein Zehntel der  Taxipreise, die sonst Touristen angeboten werden. Zu anderen Taxifahrern sagen wir: “Nein danke, wir fahren lieber mit ner máquina”. Plötzlich hat man ihren Respekt, denn sie merken, dass wir wissen, wie der Hase läuft. Wir wissen es zugegebenermaßen nicht so genau, aber wir tun so und das reicht. Entweder wir haben dann eine so gute Verhandlungsgrundlage, dass wir für ein Schnäppchen rumkommen oder wir erfahren, von wo das nächste “Taxi colectivo” fährt.

Irgendwann kommen wir zu einem Markt, wo wir zunächst durch die Fleischhalle laufen und riesige Fleischberge sehen. Es ist recht warm. Fleisch in der Hitze ohne Kühlfächer. Yummy! Das ist zugegebenermaßen kein Moment, in welchem man von einem gegrillten Chicken träumt. Die Früchte-und Gemüsemeile hingegen ist viel einladender. Einige der Früchte haben wir noch nie gesehen. Wir probieren uns durch. Generell kann man Früchte und Gemüse nur am Markt oder bei den vielen Straßenverkäufern kaufen. Im Supermarkt gibt es weder Obst noch Gemüse, doch die vielen Obststände auf der Straße machen die Stadt richtig schön bunt. Während es auf dem Markt alles zu kaufen gibt, was das Herz begehrt, haben die Straßenhändler meist nur wenig Auswahl. Der eine verkauft Bananen und Zwiebeln, der andere Tomaten und Papaya. Der Nächste hat nur Knoblauch im Angebot. So kommt es, dass sich ein Früchteeinkauf wie eine Schnitzeljagd gestaltet. Bei dem Einen kaufen wir Bananen, beim Nächsten Guave, beim Dritten Paprika.

Wir genießen unsere Stadttour, zugleich empfinden wir es als wahnsinnig anstrengend. Nicht zuletzt wegen der Angebote, die wir auf der Straße erhalten. Nach kürzester Zeit sind wir um ein paar Heiratsanträge reicher und könnten mit mehreren Fahrrad-Taxi-Fahrern durchbrennen. Touristen sind die Zielscheibe einiger heiratswilliger Kubaner, die den Wunsch nach einem Leben in Europa verspüren. „Taxi y chicos?- Boyfriend? – Where are you from? Ah from Germany. Wie geht’s?“
Wir können es nicht mehr hören, setzen Scheuklappen auf und laufen weiter. Wir lernen: Zurückhaltung ist keine kubanische Tugend.  Oder vielleicht bringt es folgendes Bild noch besser auf den Punkt:

Die junge Generation, der das sozialistische System nicht annähernd so gut gefällt, wie den älteren Kubanern, sieht ihre Chancen in den Touristen. Wie könnte man leichter an Geld kommen, als sich an reiche Europäer ranzuschmeißen? Manche junge Kubaner haben pfiffige Geschäftsideen, vermieten Zimmer oder kochen für Touristen, weniger kreative versuchen es eben mit flirten.
Die zweite Taktik ist, Touristen zu bestimmten Orten zu bringen und dafür eine dicke Kommission einzustreichen. Man nennt die Schlepper hier “jineteros”. Plötzlich hast du so viele “amigos” und jeder will dir etwas ganz Besonderes zeigen. Zunächst überfordert das tierisch, doch schon bald bekommen wir ein dickes Fell und schlängeln uns gekonnt durch den Dschungel an Angeboten. Ignoranz ist nicht schön, doch hier leider manchmal notwendig. Am hartnäckigsten sind und bleiben die Taxifahrer. Sie rufen uns so lange “taxi- taxi- taxi” hinterher, bis wir 20 Meter weiter sind. Das nervt. Wir wollen doch nur gemütlich durch die Stadt spazieren. Zugleich tun sie uns ein wenig Leid, sind sie doch so darauf angewiesen, ein bisschen etwas dazuzuverdienen. “No es facil”, hören wir immer wieder, es ist nicht leicht. Wir schließen die Kubaner trotzdem ins Herz. Sie sind ein unglaublich freundliches, bemühtes Völkchen. Den Trubel auf der Straße muss man ihnen einfach nachsehen.

Alles in allem fasziniert Havanna ebenso wie es schockiert. Hier prallt alter Luxus auf Verfall, Neu auf Alt, Arm auf Reich, Smog auf Meerwind und Urbanes auf Hühnergeschrei. Es ist die Stadt der Kontraste, so real und unwirklich zugleich. Havanna wirkt wie die Kulisse eines Films aus den 50er Jahren. Die Zeit scheint stehengeblieben zu sein. Doch die Zeit ist auch das Einzige, was hier steht. Die Häuser nämlich nicht mehr so wirklich. Sie krachen nach und nach in sich zusammen. Insofern bleibt spannend, wie sich Havanna in den nächsten Jahren entwicklen wird. Die ersten Restaurierungsarbeiten haben bereits begonnen, doch es gibt noch viel zu tun.

Showing 4 comments

  • tonitschi

    hallo !
    ein großes dankeschön für diesen sehr informativen urlaubsbericht.

    nachdem ich vor zwei jahren in diesem besonderen land auf unserem planten war, hat mich dein blog tief berührt.
    nach so vielen guten tips, verspüre ich wieder meine intensive reiselust und wünsche mir, irgendwann einmal in deine fußstapfen zu treten.

    beneidenswert, die sprache zu beherschen.
    viellleicht ist es an anstupser, spanisch zu lernen.

    ich wünsche dir -euch viele weitere reiseunternehmungen
    freue mich auch auf neue beiträge

    herzlich glückwunsch
    sendet
    tonitschi

  • Travelling Unicorn

    Ein schöneres Feedback, als deine Reiselust zu stärken, gibt es nicht. Dann schnell den Flieger buchen. :-) Das ist ein Zeichen.

  • Carmen

    hi lea,
    einfach toll, du machst mir wirklich lust diese tolle stadt auch mal zu sehen und zu erleben :) besonders diese alten amerikanischen autos haben es mir ja immer schon angetan. auch ein grund mehr, diese wunderschöne sprache besser zu lernen um sich mit den einwohnern unterhalten zu können. danke für die tollen einblicke und die schönen fotos. du machst das super und ich freu mich schon auf weitere berichte (denke das war wohl hoffentlich noch nicht der letzte ;) )
    glg carmen

  • Travelling Unicorn

    Liebe Carmen, danke für diese schönen Worte. Die Stadt würde dir bestimmt gut gefallen, aber auch Kuba generell. Und ja, diese Autos sind wirklich einmalig. Ich bin ja gar kein Auto-Freak, aber bei diesen Schlitten wird sogar mir warm ums Herz. Mitfahren ist ein richtiges Erlebnis. Lustig drum auch, dass die Kubaner stolz sind, wenn sie eines der wenigen neuen Autos besitzen. Taxifahrer werben mit Klimaanlage und so weiter, dabei finden wir Europäer doch knatternde Autos mit Couchsessel und Zugluft viel attraktiver. :-) So unterschiedlich sind die Welten. Ich kann nur sagen, wenn es dich reizt, dort hinzufahren, mach es. Ich denke, in den nächsten Jahren wird sich dort einiges verändern. Darum ist jetzt vielleicht die beste Zeit… Und ja, es folgen weitere Berichte.

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