Von der Zeit und dem Fischer. Eine Straßenszene in Matanzas.

Was das kubanische Zusammenleben ganz grundlegend von dem in Deutschland unterscheidet, verstehe ich in Matanzas. Matanzas ist eine relativ große Stadt, fast 90 km östlich von Havanna. Hier tauche ich erstmals in die Magie des kubanischen Nachbarschaftsgefühls ein. Nicht weil es das in anderen Städten nicht gegeben hätte, sondern weil ich es hier zum ersten Mal ganz bewusst wahrnehme.

Bevor es weiter in Richtung Varadero geht, bleibt uns noch ein ganzer Tag in der Stadt. Matanzas wirkt auf den ersten Blick unspektakulär, versprüht jedoch noch einen Charme von Ursprünglichkeit und Authentizität. Schnell schließen wir die Stadt ins Herz. Bei einem Rundgang am Vortag haben wir bereits ein paar schöne Orte gefunden. Ganz besonders spricht mich die Flusspromenade an. Hier reihen sich brüchige Gebäude aneinander, zwischendrin finden wir eine verrückte Kunstgalerie und nebenan stehen ein paar sehr einfache Wohnhäuser.
Diesen Ort suche ich nun erneut auf, gewappnet mit meinem Tagebuch und guter Musik. Ich setze mich auf die Anhöhe mit Blick auf den Fluss, will ein paar Gedanken niederschrieben und den Sonnenuntergang betrachten. Auf den Tagebucheintrag kann ich mich jedoch nicht konzentrieren, denn ein kleines Kind auf der anderen Straßenseite zieht mich völlig in den Bann. Der Kleine ist vielleicht ein Jahr alt und lernt gerade das Laufen. Immer wieder steht er auf, fällt wieder hin, geht ein paar wacklige Schritte und staunt. Es ist dieses Staunen, das mich fesselt. Der Kleine wird nicht müde. Wieder und wieder versucht er es. Neben ihm stehen sechs Frauen. Sie unterhalten sich angeregt, dann lachen sie herzhaft. Eine weitere Nachbarin kommt hinzu. Sie bückt sich, nimmt das Kind in den Arm und verpasst ihm einen so lauten Schmatzer, dass ich es auf der anderen Straßenseite noch hören kann. “Mi vida”, sagt sie zu dem Kleinen und drückt ihre Wange an sein Gesicht. Eine weitere Frau kommt, eine andere geht. Mich fasziniert die Selbstverständlichkeit, mit der sich hier jeder willkommen fühlt.

Diese einfache Szene auf der Straße erinnert mich auf ein Neues daran, dass die einfachsten Dinge meist die Schönsten sind, nämlich Zeit füreinander zu haben und in guter Gesellschaft zu sein. Zeit für andere, für Nachbarn und Freunde und das am Besten noch völlig spontan und ungeplant. Genau das ist es, was das kubanische Zusammenleben vom dem in Deutschland unterscheidet. Natürlich trifft man sich zuhause auch mit Freunden, doch jeder lebt sein eigens Leben. Wenn der Essig ausgeht, läuft man schnell in den Supermarkt und holt sich einen neuen. Wenn man wissen möchte, wann der Zug fährt, googelt man, statt zu fragen. Jeder ist für sich völlig unabhängig. Das hat Vorteile aber auch Nachteile. In Kuba bekommt man im Supermarkt nicht unbedingt das, was man gerade benötigt, sondern das, was es gerade eben gibt, darum hilft besser der Nachbar aus. Statt Informationen aus dem Internet zu beziehen, erfährt man hier alles über soziale Netzwerke und damit meine ich wirklich soziale Netzwerke, kein Facebook. Das dauert vielleicht ein wenig länger, aber es funktioniert dennoch.

Ich habe den Eindruck, die Uhren ticken langsamer auf Kuba. Doch während ich auf der Uferpromenade sitze fällt mir auf, welche Illusion das eigentlich ist. Dauert der Tag nicht für jeden Menschen gleich lange? Die Frage ist nur, wie man die zur Verfügung stehende Zeit nutzt.

Während meine Gedanken abschweifen, setzt sich ein Fischer mit seinem Sohn neben mich auf die Reling. “Du musst geduldig sein”, erklärt der Vater “und wenn der Fisch anbeißt, sei schnell und sanft zugleich.” Der Sohn ist talentiert. Er fängt in kürzester Zeit mehrere kleine Fische. Bei jedem einzelnen freut er sich so, dass sein Glück direkt auf mich überschwappt. Der Vater lobt ihn und nimmt ein paar der Minifische aus, die sein Sohn aus dem Wasser zieht. Nach ein paar ausgenommenen Tieren beginnt der Vater, die zappelnden Fische heimlich zurück ins Wasser zu werfen. Der Sohn ist so auf das Angeln konzentriert, dass er dies nicht bemerkt. Mich amüsiert dieser Moment. Der Sohn fischt die Tiere aus dem Wasser, der Vater schmeißt sie hinter seinem Rücken zurück in den Fluss. Bei jedem neuen Fisch, den der Sohn herauszieht, lobt ihn der Vater. Er nimmt sich alle Zeit der Welt für ihn. Ein Freund des Vaters kommt vorbei. Sie paffen gemeinsam eine Zigarre und sprechen über Belanglosigkeiten, ihre Familie und ihren Tag. Auf der anderen Straßenseite übt sich der Kleine noch immer im Laufen. Er ist unermüdlich. So sitze ich stundenlang auf der Reling- als stiller, passiver Beobachter. Und dennoch fühle ich mich zu dieser Szene an der Flusspromenade zugehörig als wäre ich ein Teil der Nachbarschaft.

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