Zurück aus Südindien- Was ich in Kerala gelernt habe

Zurück aus Südindien, Kerala. Ich steige aus dem Flugzeug, ein eisiger Wind empfängt mich. “Willkommen zuhause” prustet mir ein kaltes Schneegestöber zu. Ich schließe die Augen, spüre die Kälte, rieche den Schnee, wandere langsam durch die mir allzu bekannten Straßen. Ein Glücksgefühl übermannt mich. Ich könnte weinen vor Glück. Ich bin wieder zuhause. Wohlauf und um viele wunderbare Erfahrungen reicher. 40 Grad Temperaturunterschied, grundverschiedene Kulturen. Ich fühle mich von einer Welt in eine andere gebeamt, wohlwissend, dass es letztendlich doch die selbe eine Welt ist.

 

Meine Gedanken schweifen nach Kerala während ich durch den Münchner Schnee stapfe. Ich laufe zuhause zu einem Supermarkt in dem es alles gibt, was das Herz begehrt, gehe auf den Münchner Straßen, die sauberer nicht sein könnten, hebe Geld ab und der Automat hat sofort genug Bargeld (keine Selbstverständlichkeit in Indien aufgrund der Demonetisierung des Landes). Mir fällt auf, dass alles unfassbar rund läuft hier in Deutschland. Plötzlich überfällt mich eine Welle von Dankbarkeit, die sich mit dem inneren Frieden mischt, der sich in Indien in mir ausgebreitet hat.

Jedes Land schreibt seine ganz eigenen Geschichten und hinterlässt Spuren in den Herzen der Reisenden. Was mich am Reisen immer wieder anzieht ist die Tatsache, dass man nie als der selbe Mensch zurück kommt, der man vor der Reise war. Jeder Tag bringt Veränderung mit sich. Auf Reisen passiert das häufig geballter, manchmal explosionsartig, oft unerwartet. Plötzlich steht alles auf dem Kopf, Gewohnheiten und Denkmuster werden von einer Sekunde auf die nächste zerstört, um sich im nächsten Moment auf neue Weise zusammenzusetzen und äußere oder innere Prozesse werden losgetreten. Südindien hat mir in dieser Hinsicht auch wieder einiges bewusst gemacht. Drei Dinge die ich gelernt habe möchte ich hier teilen.

1. Entscheidungsfreiheit ist keine Selbstverständlichkeit

Im ländlichen Kodamthurut in Kerala wird mir klar, wie viele Freiheiten wir im Westen haben, angefangen bei der Partnerwahl. In Südindien sind Heirats-Arrangements nach wie vor gängige Praxis, die Einstellung vieler hinsichtlich Liebe und Partnerschaft ist äußerst konservativ. Viele Partnerschaften bauen auf Familienentscheidungen auf, nicht auf romantischen Beziehungen. Mir wird bewusst, Wahlmöglichkeit ist keine Selbstverständlichkeit. Ebenso wenig wie die Freiheit, sich beliebig in Raum und Zeit zu bewegen. Die Silvesternacht verbringen wir in Fort Cochin. Nach dem Feuerwerk finden wir fast ausschließlich Männer auf der Straße vor. Wir fragen nach dem Warum. Frauen bleiben abends besser zuhause hören wir.
Sich im Bikini zu zeigen ist für Inderinnen weitgehend tabu. Damit fällt für indische Frauen eine erfrischende Abkühlung im Meer flach. Strandkleidung sehen wir nur an den wenigen Touristinnen, die sich an einigen Stränden nach dem Baden schnell in Tücher hüllen, um zu langen Blicken auszuweichen.
Wir nehmen eine arg Männer orientierte Gesellschaft in Kerala wahr und sind zugleich fasziniert und gebannt vom herzlichen Lächeln der wunderschönen indischen Frauen, die noch einen langen Weg vor sich haben, bis sie sich ähnlich frei bewegen können wie wir westlichen Frauen.

 

2. Ein stressfreies Leben ist möglich

Stress ist für die Bevölkerung in Kerala ein Fremdwort. Gemütlich geht es hier zu und Zeit für ein Lächeln ist immer. Termine, ein voller Kalender, immer etwas zu tun- nicht hier. Mir fällt auf, wie durchgeplant ich zuhause häufig bin. Ich sah noch keinen Inder schnell gehen geschweige denn rennen. Der Zug kommt einfach mal 69 Minuten zu spät. Keinen stört’s. Wo bei der deutschen Bahn mindestens 100 Beschweren eingeflattert wären, setzen sich die Inder einfach auf den Boden und warten geduldig. Ich genieße die Gelassenheit der Leute und beschließe, auch wieder mehr Löcher in die Luft zu starren und mehr Tagträumen nachzugehen.

 

3. Paradiesvögel bereichern die Welt- alles nicht so ernst nehmen

Im Strandort Varkala treffen wir ein paar Leute, die an einem vorbeischweben, Mantras summen und sich in ganz anderen Universen zu bewegen scheinen. Es ist lustig anzusehen, doch eigentlich ist es herrlich bereichernd. Ein bisschen verrückt sein hat noch keinem geschadet. Paradiesvögel machen das Leben bunter und zeigen mir wieder einmal: lieber mal die Dinge nicht zu ernst nehmen.

Einer meiner Lieblingssprüche passt diesbezüglich ganz hervorragend. Mit Leuten die einen großen Vogel haben kann man an ungewöhnliche Orte fliegen: Let’s fly my dear!

Klicke hier zum Video: Happy Mantra-Sänger

 

So könnte ich mehrere Stunden weitermachen und von den vielen Erlebnissen und Erkenntnissen erzählen, die diese Reise mit sich brachte. Doch die wahre Schönheit besteht schließlich darin, für sich selbst zu entdecken, was Südindien für einen bereit hält. Daher besucht wenn möglich dieses Fleckchen Erde selbst, denn es ist ein Ort zum Staunen, zum Wundern, zum Entspannen und zum Neu-Entdecken der Schönheit, die in den kleinen Dingen liegt.

Showing 4 comments

  • Tim

    Du schreibst wunderschön

  • Lea Limbrunner

    Vielen Dank Tim. Das freut mich zu lesen.

  • Gabriela

    Bin gerade in meine Reise durch Kerala zurückgebeamt worden…faszinating India :-)! Wunderschöner Artikel, danke dir!

  • Lea Limbrunner

    Immer wieder eine Reise wert :-)

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